10.09.2017 / Artikel / /

Reisebericht Israel und palästinensische Gebiete – 23. bis 29. August 2017

Vom 23. bis 29. August reiste eine Gruppe von 26 JCVPlerinnen und JCVPlern auf Einladung der Gesellschaft Schweiz-Israel durch Israel und die palästinensischen Gebiete, um deren Kultur, Religionen und Gesellschaft kennenzulernen.  Vom ersten Tag an wurde uns dabei klar, dass der Konflikt, wie auch die lokale Gesellschaft, unendlich vielseitig sind. Ein Leben könnte man damit verbringen, alle Gruppierungen und Perspektiven kennenzulernen.

Diese Reise begann aber selbstverständlich in der Schweiz. Am frühen Morgen des 23. August fanden sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Flughafen Zürich ein, mehr als 3 Stunden vor Abflug. 3 Stunden vor Abflug? Richtig gelesen. Wer mit El Al nach Israel reist, der hat sich einem speziellen Sicherheitsprozedere zu unterziehen. Mit etwas Nervosität stellten wir uns einer kurzen Befragung durch das Sicherheitspersonal. Nicht allen fiel diese Befragung gleich einfach. Die Vielfalt an bunten Stickern auf unseren Flugtickets, mit Sorgfalt dort vom Sicherheitspersonal angebracht, und die Unklarheit über deren Bedeutung, sorgten für etwas Verunsicherung. Nach Israel geschafft haben es schlussendlich alle. Manche etwas später als andere. Mit Umwegen schaffte es ein Mitglied auch von seiner Weltreise zu uns.

Noch am Tag der Ankunft begann unser dichtgedrängtes Programm mit unserem Tourguide Moshe Gabay, geboren in der Schweiz, in Schaffhausen aufgewachsen, nach Israel ausgewandert. Von Tel Aviv fuhren wir mit unserem Tourbus nach Haifa, die erste Destination auf unserer Reise. Dabei wurde uns schnell klar, dass Israel eigentlich ein kleines Land ist. Obwohl es wie die Schweiz ca. 8 Millionen Einwohner hat, ist es nur halb so gross. Dementsprechend ist es relativ schnell durchquert. In Haifa führte uns Moshe in unser Reiseprogramm ein und erklärte uns einige grundlegende Sachen über das Leben in Israel, vom koscheren Essen bis zu den Sabbat-Regeln.

Am nächsten Tag begann unsere Tour durch Haifa. Diese begann mit dem Besuch der Bahai-Gärten. Die Bahai sind eine eigene Glaubensgruppe. Sie stammen ursprünglich aus dem Iran und stellen eine Universalreligion dar, deren Glaube starke Übereinstimmungen mit dem Christentum, Judentum und Islam hat. Weltweit gehören dem Bahaitum etwa 8 Millionen Menschen an, welche durch ihre Spenden die Bahai-Gärten von Haifa erhalten, eines der grössten Heiligtümer des Bahaitum.

Nach dem Besuch der Gärten fuhren wir zum Technion, der technischen Hochschule Israels. Israel ist eines der weltweit führenden Länder im Bereich der IT-Wissenschaften, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass grosse Technologiekonzerne wie Microsoft oder Google sich hier inzwischen angesiedelt haben. Aber auch im Startup-Bereich gehört Israel zu den führenden Nationen. Es hat den weltweit 2.-grössten Startup-Sektor. Ein Unterschied zur Schweiz besteht in jedem Fall darin, dass das unternehmerische Scheitern in Israel besser akzeptiert wird. Nur 2-3 Prozent der hier gegründeten Startups sind erfolgreich. Das Scheitern ist also die Regel, wird aber als wichtige Erfahrung angesehen.

Im Anschluss besuchten wir Um El Fahem, eine arabische Stadt in Israel. Dort konnten wir eine Moschee besuchen und uns mit den Vertretern einer lokalen muslimischen Friedensbewegung über den Islam und die Gemeinsamkeiten mit andere Religionen, sowie das Leben von Muslimen in Israel unterhalten.

Das Programm an diesem Tag endete damit aber nicht. Noch am selben Abend fuhren wir weiter Richtung See Genezareth, ins Kibbuz Degania Alef, dem ältesten Kibbuz Israels. Was ist ein Kibbuz mögt ihr euch fragen. Aus den Kibbuz heraus wurde der Staat Israel aufgebaut. Die Kibbuzim sind ursprünglich kleine jüdische Siedlungen, die Anfang des 20. Jahrhunderts, noch zurzeit, als das osmanische Reich in diesem Gebiet herrschte, entstanden. Sie begannen als simple Holzhütten und mussten bereits früh lernen selbstversorgend zu leben. Darum entwickelte sich das Konzept der Kibbuz schnell zu sozialistischen Kommunen, ein Aspekt der vielen bis heute erhalten blieb, auch wenn es nicht mehr viele Kibbuz gibt. Von der Unterhose bis zum Essen wird alles geteilt und alle Kosten, von Operationen bis zum Hochzeitsfest, werden von der Gemeinschaft getragen. Aus den Kibbuz sind viele Gemeinden Israels entstanden, und auch wichtige Teile der Infrastruktur und das Technion wurde von ihren Einwohnern errichtet.

Übernachtet haben wir im Ohalo Manor Guest House, ein Hotel direkt am See Genezareth, das eigentlich zum Kibbutz gehört. Dies zeigt denn auch, dass die meisten Kibbuz heute nicht mehr selbstversorgend sind und auf das Einkommen durch den Handel mit dem Rest Israels angewiesen sind. Hier machten wir auch erstmals Bekanntschaft mit koscherem Wein, der vor dem servieren gekocht und lauwarm serviert wird. In der Nähe des Hotels entspringt der Jordanfluss dem See Genezareth. Der Jordanfluss bildet zugleich die Grenze zwischen Jordanien und dem palästinensischen Westjordanland.

Am Freitag setzten wir unser Programm mit dem Besuch der Ruinen Capernaums fort, der Stadt in der Jesus und seine Jünger gelebt haben sollen und in welcher noch heute die Ruinen des Hauses von Petrus zu sehen sind. Von Capernaum aus besuchten wir eine unserer wohl speziellsten Reisedestinationen: die Golan-Höhen. Die Golan-Höhen wurden 1967 im Zuge des 6-Tagekriegs von Israel erobert, gehören aus Sicht des internationalen Rechts jedoch zu Syrien. Spuren dieses Krieges sind auch heute noch auf den Golanhöhen zu entdecken. Die UNO hat in der Folge im Gebiet zwischen Syrien und Israel eine demilitarisierte Zone errichtet, welche sie selbst mit Blauhelmtruppen kontrolliert. Die Situation hat sich in den letzten Jahren im Zuge des syrischen Bürgerkriegs verschärft durch die aktiven Kampfhandlungen zwischen Milizen des IS und des Assad-Regimes. Die Situation vor Ort wurde uns von Shadi Khalloul Risho erklärt, einem israelisch-libanesischen Christen, der für Israel die Kontakte zur christlichen Bevölkerung im Libanon aufrechterhält. Er erklärte uns auch, dass die Christen in der Region aramäische Christen seien und diese noch immer auf aramäisch, der Sprache, die Jesus gesprochen haben soll, beten würden. Die ganze Situation auf dem Golan wurde noch etwas absurder dadurch, dass Israel auf dem Golan einen Coffee & Gift Shop errichtet hat. Wir lauschten also den Erklärungen von Herrn Risho bei einem doppelten Espresso in einem klimatisierten Café, während wenige Kilometer weiter bereits seit 6 Jahren Krieg und Leid herrschten.

Im Anschluss besuchten wir ein Dorf der Drusen. Die Drusen sind eine arabische Minderheit in der Region, die grösstenteils in Israel leben. Das Spezielle: sie sind sowohl Freunde Israels, als auch des Assad-Regimes, denn viele ihrer Kinder studierten, zumindest vor dem Konflikt, in Damaskus. Die Dörfer der Drusen liegen dementsprechend nahe an der syrischen Grenze an hohen Hängen, an denen, man will es kaum glauben, im Winter Ski gefahren wird.

SONY DSC

Am nächsten Morgen verliessen wir die Region am See Genezareth und fuhren mit unserem Bus auf der Autobahn entlang der jordanischen Grenze quer durch das Westjordanland ans tote Meer. In nur 2 Stunden durchquerten wir das Westjordanland und sahen in dieser kurzen Zeit auch erstmals einige der weltweit umstrittenen israelischen Siedlungen im Westjordanland. Bevor wir jedoch die ersehnte Abkühlung im toten Meer geniesse konnten, besuchten wir Masada. Masada ist die Ruine des Winterpalastes von König Herodes und gleichzeitig der Schauplatz einer Schlacht der Antike zwischen Römern und Juden. Bei 38 Grad im Schatten lauschten wir zwischen den Mauern der Festung der Geschichte dieses Ortes. Danach hatten wir uns die Abkühlung im toten Meer redlich verdient. Eine übertrieben grosse Abkühlung war es dann zwar nicht, denn das Tote Meer ist sehr warm und es wird empfohlen nicht länger als 15 Minuten darin zu schwimmen, da einem der hohe Salzgehalt des Toten Meeres ansonsten zu viel Flüssigkeit entzieht. Enttäuscht war aber sicher niemand, denn was man so oft aus Geschichten über das Tote Meer hört, ist wahr. Man geht schlicht nicht unter im toten Meer und schwimmt stets oben auf, wobei auf dem Rücken die elegantere Lösung ist, als auf dem Bauch, wie manche lernen durften. Es ist sehr viel anstrengender zu versuchen mit den Füssen auf den Boden zu kommen, als sich schlicht treiben zu lassen.

Das Tote Meer ist aber, wie man sich bewusstwerden muss, ein vergängliches Vergnügen. Jedes Jahr sinkt es weiter ab und droht langfristig ganz zu verschwinden. Das Absinken hat den Nebeneffekt, dass durch das zurückgehende Wasser das unterirdisch abgelagerte Salz austrocknet, sich Hohlräume bilden und dadurch das Gebiet nahe des Ufers wiederholt eingestürzt ist. Dementsprechend gibt es aufgrund dieser Gefahr immer weniger öffentliche Strände und Touristenanlagen. Jordanien und Israel versuchen denn auch sich auf ein Projekt zur Rettung des Toten Meeres zu einigen. Mittels eines Kanals vom roten Meer soll das Tote Meer erneut mit Wasser gefüllt werden. Bislang scheiterte dieses Projekt jedoch am politischen Willen beider Seiten. Dabei gelten die Beziehungen zwischen Israel und Jordanien als verhältnismässig gut. «Verhältnismässig», weil Israel nur mit 2 seiner Nachbarstaaten, Jordanien und Ägypten, einen Friedensvertrag und offizielle diplomatische Beziehungen hat. Eine Situation, die für uns als Schweizer fast unvorstellbar ist, jedoch gut den allgegenwärtigen Nahostkonflikt verdeutlicht.

Schliesslich machten wir uns auf den Weg vom Toten Meer nach Tel Aviv. Der schnellste Weg führte durch das Westjordanland und Jerusalem. Auf diesem Weg sahen wir auch erstmals die massive Betonmauer, die Ostjerusalem vom Westjordanland trennt. Israel hat um das Westjordanland herum eine mehr als 700 Kilometer lange Mauer errichtet (wobei nur etwa 6% effektiv Mauer ist, der Rest ist Zaun). Die internationale Gemeinschaft betrachtet diese Mauer als illegal, da sie die Waffenstillstandslinie von 1949 (die sog. «Greenline») verletzt, welche gemäss Osloer Abkommen die Grenze zwischen Israel und Palästina für eine Zweistaatenlösung darstellen würde. Die Mauer umschliesst bspw. Ostjerusalem mit, welches gemäss Osloer Abkommen zu den Palästinenser-Gebieten gehören würde und von vielen Palästinensern gar als Hauptstadt angesehen wird.

Tel Aviv selbst stellt einen starken Gegensatz zu Jerusalem dar. Gilt Jerusalem als heilige Stadt in 3 Weltreligionen und zieht eine sehr orthodoxe Bevölkerung an, so gilt Tel Aviv als ultra-liberal und Welthauptstadt der LGBT-Community. Neben historischen Städten wie Jerusalem, Bethlehem, Hebron, Tiberias und vielen anderen, ist Tel Aviv mit Gründungsjahr 1909 geradezu jugendlich. Das Nachtleben können wir auf jeden Fall weiterempfehlen.

Am Sonntagmorgen waren wir zum Frühstück in der Residenz der Schweizer Botschaft in Tel Aviv eingeladen. Die Schweizer Vize-Botschafterin erläuterte uns die Schweizerisch-Israelischen Beziehungen sowie die Haltung der Schweiz im Nahostkonflikt und ihr Engagement als Vermittlerin. Die Schweiz unterstützt aktiv die international vertretene Zweistaatenlösung. Der Friedensprozess ist jedoch aktuell nahezu inexistent, weshalb sich die Schweiz mehr mit Projekten zum gegenseitigen Verständnis in der Zivilgesellschaft konzentriert.

Nach dem Besuch in der Botschaft verliessen wir Tel Aviv in Richtung Jerusalem. Unser Reiseführer Moshe hatte für die Führung durch die Altstadt etwas Spezielles vorbereitet. Er führte die Tour durch die Altstadt gemeinsam mit einem palästinensischen Tourguide durch. In der Jerusalemer Altstadt ist jeder Meter Kopfsteinpflaster geprägt von Geschichte. Die Altstadt ist geteilt in die Viertel der verschiedenen Religionen und noch stärker ist diese Teilung in einigen der religiösen Stätten. Die Grabeskirche wird von 6 verschiedenen christlichen Gruppierungen beansprucht, die alle für sich getrennt innerhalb der Grabeskirche die für sie heiligsten Stätten besetzt haben. 3 Weltreligionen auf so engem Raum zu erleben ist beeindruckend. Der Besuch der Klagemauer ist ebenso berührend wie jener der Grabeskirche. Mauern sind aber auch hier gegenwärtig. Der Felsendom ist für Fremde kaum zugänglich, beten dürfen in ihm nur Muslime. Diese wenigen Meter, die Felsendom und Klagemauer trennen, werden sorgsam von beiden Seiten überwacht. Nach den religiösen Eindrücken durften wir auch bleibende Eindrücke des Jerusalemer Nachtlebens erleben.

Am Montag wurde es dann noch einmal spannend. Wir setzten unsere Tour im Westjordanland fort. Bevor wir jedoch Ramallah besuchten, machten wir noch einen kurzen Abstecher in eine Stadt der besonderen Art: Rawabi. Von Rawabi dürfte noch kaum jemand gehört haben, das könnte sich in Zukunft jedoch ändern. Rawabi im Kontext des Nahostkonflikts zu beschreiben ist schwierig. Dies auch, weil es ein Teil ist, dass noch viel weniger ins Puzzle des Nahen Ostens zu passen scheint als sogar die bisherigen bunten Teile, die wir schon kennengelernt hatten. Einfach ausgedrückt ist Rawabi ein neues Dubai, eine Luxusstadt völlig neu aus dem Boden gestampft. 2012 begann der Bau der Stadt, inzwischen sind bereits ca. 1’000 Wohnungen fertiggestellt und ein beträchtlicher Teil verkauft. Rawabi verfügt über hochmoderne Wohnungen, schnelles Internet, Freizeitquartiere, Kinos, Cafés, Modeboutiquen, ein Amphitheater mit Platz für 20’000 Zuschauer, also alles was das Herz begehrt. Bezahlbar scheint es auch. Apartments kosten zwischen 65’000 und 180’000 Dollar. Bashar Masri, der Architekt von Rawabi, kann wohl als Samih Sawiris Palästinas bezeichnet werden. Sein grösstes Problem aktuell auf Nachfrage im Gespräch mit uns: Ferrari ist noch nicht in den Store gezogen, den er für sie gebaut hat. Etwas anderes hat uns aber noch beeindruckt: Die Mehrheit der Architekten und Ingenieure in Rawabi sind Frauen. Die Botschaft von Rawabi ist klar: Hier ist alles möglich, hier beginnt der wirtschaftliche Aufstieg Palästinas. Wer genauer hinschaut, der muss jedoch erkennen, dass die Fassade von Rawabi bereits etwas bröckelt. Auf Nachfrage, wer diese Stadt finanziert ist die Antwort eindeutig: Qatar. Auch gibt es nur eine Zufahrtstrasse zu Rawabi und diese darf eigentlich nur von Baufahrzeugen benutzt werden, denn sie liegt in Zone C. Ihr fragt euch jetzt sicher, was ist Zone C. Das Westjordanland wurde von Israel in 3 Zonen geteilt: Zone A (palästinensische Sicherheit & Zivilbehörden), Zone B (israelische Sicherheit und palästinensische Zivilbehörden) und Zone C (israelische Sicherheit & Zivilbehörden) und die einzige Strasse nach Rawabi liegt in Zone C. Das bedeutet, dass alles was nach Rawabi rein oder rausgeht, eine Bewilligung aus Tel Aviv braucht und dieser Stadt jeden Tag der Stecker gezogen werden könnte. Es fällt auch auf, dass man kaum Menschen in Rawabi sieht. Daran ist auch die Zoneneinteilung schuld. Bauen ist eigentlich billig, aber weil Zone C den grössten Teil des Westjordanlandes einnimmt und kaum Baubewilligungen erteilt werden besteht eine akute Wohnraumknappheit. Dementsprechend haben viele Palästinenser in weiser Voraussicht, dass ihre Kinder eines Tages ausziehen und eigene Familien gründen wollen, die einmalige Gelegenheit, die Rawabi darstellt, genutzt, und eine Wohnung gekauft, wohnen aber nicht in Rawabi.

Nach dem kurzen Abstecher nach Rawabi kamen wir nach Ramallah. Wieder fällt uns auf, dass das Westjordanland klein ist. Von Ostjerusalem braucht man nur knapp 20 Minuten nach Ramallah… sofern man nicht im Stau steckt. In Ramallah besuchten wir die Schweizer Mission. Das Missionspersonal führte uns spannende Aspekte des Konflikts und interessante Details zur Situation in den palästinensischen Gebieten vor Augen. Ausserdem organisierten sie für uns eine Diskussion mit Vertreten der palästinensischen Zivilgesellschaft und der PLO. Dabei wurde uns schnell klar, dass es in den palästinensischen Gebieten mehr als die 2 politischen Meinungen der Fatah und der Hamas gibt. Von den Vertretern der Zivilgesellschaft wurde uns jedoch deutlich gemacht, dass der Wunsch nach Frieden stark ist, insb. aber auch der Wunsch nach «true Leadership and economical opportunity in Palestine». An dieser Stelle muss kurz die politische Situation in den palästinensischen Gebieten erklärt werden. Im Westjordanland regiert die gemässigte Fatah des inzwischen verstorbenen Jassir Arafat, in Gaza jedoch die extremistische Hamas. Vor rund zehn Jahren fanden in den Palästinensergebieten die letzten Wahlen statt und aufgrund der allgemeinen Unzufriedenheit, bspw. aufgrund der weitverbreiteten Korruption, gewann die extremistische Hamas die Wahlen. Heute regiert faktisch jedoch noch immer die Fatah im Westjordanland und viele Hamasführer sitzen in israelischen Gefängnissen. Aus Angst vor einem Erdrutschsieg der Hamas werden denn aktuell auch keine Wahlen mehr durchgeführt, was zur allgemeinen Unzufriedenheit beiträgt. In der Folge hat die Hamas in Gaza die Macht übernommen. Der Gazastreifen wirkt auf den Karten im Fernsehen stets sehr klein, ist aber Heimat von 1.8 Millionen Palästinensern. Aufgrund der extremistischen Haltung der Hamas und der wiederholt von ihnen durchgeführten Terroranschläge haben Ägypten und Israel ein Land- und Seeembargo gegen den Gazastreifen eingeführt. In der Hoffnung den politischen Willen der Hamas im Gazastreifen zu brechen, hat die Fatah die Versorgung Gazas drastisch reduziert. Die Schweizer Mission in Ramallah erläuterte uns die Folgen dieser Politik. In Gaza haben die Leute nur 4 Stunden am Tag Strom. Hatten 2004 noch 98% der Einwohner Gazas Zugang zu sauberem Trinkwasser, sind es heute noch 10%. Es droht eine immense humanitäre Katastrophe. Es herrscht also ein gewisses Machtvakuum in Palästina, unter dem auch die lokale Bevölkerung leidet.

cof

Mit diesen Gedanken verliessen wir das Westjordanland zurück in Richtung Jerusalem. Am Nachmittag besuchten wir Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte Israels. Diese führt eindrücklich die Grausamkeit der systematisch organisierten Vernichtungsmaschinerie und das unvorstellbare Ausmass menschlichen Hasses des Dritten Reichs vor Augen. Das Museum geht jedoch noch weiter und zeigt wie die Juden aus ganz Europa nach dem 2. Weltkrieg versuchten nach Israel zu kommen, auf der Suche nach einer neuen Heimat. Dieser Weg war für sie ebenso mit Hindernissen und Beschwernissen verbunden und am Ende dieses Weges steht Israel, ein Land, eine Heimat. Nach der Führung durch das Museum trafen wir uns mit Vertretern der Gesellschaft Schweiz-Israel und diskutierten über Rassismus und Hass und wie derartige Verbrechen überhaupt möglich waren.

Der Tag endete damit aber nicht. Am Abend trafen wir uns mit Abu Khaled Toameh, ein arabisch-israelischer Journalist, dem einzigen Journalisten, der sowohl für die palästinensischen, als auch die israelischen Medien, insb. die Jerusalem Post, schreibt. Abu Khaled Toameh ist wohl eine der beeindruckendsten Figuren, die uns auf unserer Reise begegnet ist. In nur wenigen Minuten schaffte er es, alles über den Haufen zu werfen, was wir in den vergangenen Tagen über den Nahostkonflikt gelernt zu haben glaubten. Er betrachtet den Konflikt nicht als Schwarz oder Weiss, sondern betrachtet beide Seiten kritisch. Auch er plädiert für «true Leadership in Palestine», versteht darunter aber etwas anderes als die meisten. Die angespannte Situation auf beiden Seiten hat dazu geführt, dass in den Palästinensergebieten kein politischer Wille mehr vorhanden ist, einen Frieden für weniger als 100 Prozent des Geforderten zu akzeptieren, wodurch es sich kein politischer Führer der Palästinenser leisten könne, einen solchen Frieden für weniger als 100 Prozent des Geforderten abzuschliessen. Auch fehle es aufgrund des Machtvakuums in den palästinensischen Gebieten an einem gegenseitigen Vertrauen in die Durchsetzbarkeit eines Friedens. Wirtschaftlicher Aufstieg alleine sei kein Garant des Friedens, vielmehr müsse die Kultur der gegenseitigen Intoleranz durch eine Kultur des Friedens und Miteinanders ersetzt werden.

Am letzten Tag unserer Reise schliesslich besuchten wir Sderot, eine israelische Stadt direkt an der Grenze zum Gaza-Streifen. Sderot ist weltweit bekannt geworden durch die ständigen Raketenangriffe der Hamas. Sderot ist denn auch der Grund für den «Iron Dome», das israelische Kurzstreckenraketenabwehrsystem. Seit dieses installiert wurde, muss die Polizei von Sderot die abgeschossenen Raketen der Hamas praktisch nur noch zusammenlesen. Diese liegen denn auch für alle sichtbar aufgebahrt vor dem Polizeihauptquartier von Sderot. Von Sderot aus ist Gaza und die Mauer die es umgibt gut sichtbar. Wenig hört man von dort, nur Rauch sieht man hin und wieder, denn es brennt oft in Gaza. Die kritische Versorgungslage ist denn auch allgegenwärtiges Thema.

Mit diesem letzten Eindruck machten wir uns auf den Weg Richtung Ben Gurion Airport, Tel Aviv und nach Hause. Israel und di palästinensischen Gebiete werden uns allen ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Der Konflikt ist nicht schwarz und weiss, viel mehr ist der Nahe Osten bunt an Menschen, Kulturen und Religionen im täglichen Zusammenleben. Ein Menschenleben scheint nicht auszureichen, die Vielfalt dieser Region zu begreifen. Sie ist ebenso kompliziert wie schön und die Eindrücke sind prägend. Ebenso war es aber auch das Zusammensein unserer Gruppe. Freundschaften wurden geschlossen und gemeinsame Erinnerungen sind entstanden. Dazu gehört auch unser Reiseführer Moshe Gabay, dem wir ganz besonders dafür danken wollen, wie er uns an die Vielfalt dieser Region herangeführt hat und den wir gerne zum Skifahren einladen möchten. Dank gebührt auch der Gesellschaft Schweiz-Israel, die diese Reise erst möglich gemacht hat.

Wir freuen uns auf jeden Fall jetzt schon auf die nächste Reise der Jungen CVP!